Wenig Versöhnliches auf Sri Lanka

Im Norden der Insel hallt der Bürgerkrieg noch immer nach

Im Mai 2009 erklärte Sri Lankas Präsident Mahinda Rajapakse die tamilischen »Befreiungstiger« (LTTE), die im Norden und Nordosten der Insel für einen Tamilenstaat gekämpft hatten, für besiegt. Ein 26-jähriger Bürgerkrieg ging zu Ende. Unsere Autorin besuchte anderthalb Jahre später das ehemalige Kriegsgebiet.

Von Lee Yu Kyung, Colombo 12.11.2010 / Ausland

Uniformierte junge Männer mit Kalaschnikows sind im Norden Sri Lankas allgegenwärtig. Von Mannar im Nordwesten über Vavuniya, das Tor zum Norden, bis Mullaithivu, dem letzten Schlachtfeld im Nordosten, wo es mehr Soldaten als Zivilisten geben soll.

Am Kontrollpunkt Omanthai müssen Reisende ihre Ausweise vorzeigen, zum dritten Mal, nachdem sie die erste Kontrolle am Stadtrand von Vavuniya – keine fünf Kilometer von Omanthai entfernt – passiert haben. »Keine Sorge, nur eine Kontrolle. Wir haben Frieden, Sie können sich überall frei bewegen.« Ein freundlicher Tamile, der mit mir im Bus in Richtung Jaffna fährt, versucht mich zu beruhigen. Aber das »überall« gilt nicht für jedermann. An diesem Kontrollpunkt werden Ausländer, die keine Genehmigung des Verteidigungsministeriums vorlegen können, zurückgewiesen. Obwohl das Ministerium telefonisch mitgeteilt hatte: »Ja sicher, sie können (nach Jaffna) fahren.« Offenbar dürfen Ausländer nur den Luftweg nehmen. Was gibt es entlang der Straße durch die einstige Bürgerkriegszone zu verbergen?

Zuletzt gesehen am Kontrollpunkt

Beiderseits der Straße Mannar – Vavuniya folgt ein Militärposten dem anderen. Bewaffnete Marinesoldaten stehen mitten auf Dorfstraßen und an den Straßenecken in Mannar. »Geh da lang!«, »Komm her!« und »Tasche öffnen!« sind die einzigen singhalesischen Worte, die die meisten Dorfbewohner verstehen. Von den Soldaten wiederum spricht kaum einer tamilisch. Die Kontrollpunkte, an denen man sich nicht verständigen kann, sind gefürchtet. Manche wurden an solchen Orten das letzte Mal gesehen, bevor sie für immer verschwanden.

»Mein Mann wurde zuletzt 2007 an einem Armeekontrollpunkt gesehen. Tags darauf ging ich mit meinem singhalesisch sprechenden Nachbarn dorthin und fragte nach ihm. Ein Soldat sagte uns, wir könnten ins Gebäude kommen, um nachzusehen. Wir hatten Angst und machten schnell kehrt«, berichtet Anoja (Name geändert) und zeigt mir etliche Papiere der Polizei, der Menschenrechtskommission und verschiedener Organisationen, denen sie den Fall ihres Mannes geschildert hatte.

Militärposten – hier in Mannar – sind im Norden allgegenwärtig. Foto: Lee Yu Kyung

Ironischerweise ist das Militär im Norden nach dem Ende des Krieges stärker präsent als je zuvor. Dagegen verläuft die Wiederansiedlung von Flüchtlingen und Vertriebenen, die nach dem Krieg Vorrang haben sollte, im Schneckentempo. Jede Hilfslieferung für die Rückkehrer muss vom Militär genehmigt und untersucht werden. Drastische Vorschriften für Hilfsorganisationen, die schon in den Flüchtlingslagern zu Hunger und Krankheiten geführt hatten, wurden auf die Wiederansiedlungsgebiete ausgedehnt. »Uns verbot der Kommandant des Gebietes, Fahrzeuge mit dem Zeichen unserer Organisation zu benutzen. Nur ohne unser Logo durften wir Hilfsgüter anliefern«, berichtet eine Helferin in Vanni.

Ins Dorf »P«, das lange Zeit durch die aufständischen »Befreiungstiger« kontrolliert worden war, sind rund 3000 Menschen schon vor einem Jahr zurückgekehrt. Doch die meisten wissen nicht, wie sie die Regenzeit, die Ende September begann, überstehen sollen. Noch immer leben sie in provisorischen Blechhütten, die die Internationale Migrantenorganisation (IOM) geliefert hat. Das Menschenrechtskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) hatte ihnen bei der Entlassung aus dem Flüchtlingslager umgerechnet 170 Euro gegeben. Und das Welternährungsprogramm (WFP) versprach die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln für sechs Monate.

»Glücklicherweise hat uns das WFP bis August versorgt, länger als sechs Monate. Inzwischen haben wir Saatgut ausgebracht, das uns die Regierung gegeben hat. Aber bis zur Ernte in etwa vier Monaten haben wir nichts zu essen«, klagt eine Bewohnerin.

Weder gibt es eine medizinische Einrichtung noch eine Stromversorgung, sieht man von den Solarlaternen ab, die Caritas für einige Familien mit Schulkindern gespendet hat. Dabei sind sich Hilfsorganisationen und Regierungsvertreter darin einig, dass »P« eines der erfolgreichsten Wiederansiedlungsprojekte ist.

»Rund 150 Familien, die in der Gegend in und um Periamadu angesiedelt wurden, haben überhaupt nichts bekommen«, gesteht Sanjive (Name geändert), ein offiziell angestellter Sozialarbeiter. »Es gibt keine Toiletten für diejenigen, die im August angesiedelt wurden. Und die am 2. September kamen, haben nur Material zum Dachdecken erhalten.«

Kühl berechnete Unsicherheit?

Laut offizieller Statistik wurden bis zum 30. August dieses Jahres 258 846 Insassen aus den Vertriebenenlagern »entlassen«. Geblieben waren demnach 25 000 bis 30 000. »Seit August kommen keine Tanklaster mit Trinkwasser mehr. Die Stromversorgung wurde auf fünf Stunden am Tag reduziert. Man hat uns erklärt, wir sollten in ein Übergangslager umziehen, aber viele haben das abgelehnt: Sie fürchten, dass sie bei dieser Gelegenheit ein weiteres Mal überprüft und die Jungen als angebliche LTTE-Kämpfer von den Familien getrennt werden«, erklärt Rani aus dem Lager »Zone 4«.

»Der Regierung scheint es recht zu sein, dass die Tamilen noch Jahre in Unsicherheit leben. Solange sie sich um Nahrung und Unterkunft sorgen müssen, denken sie nicht über politische oder soziale Rechte nach«, glaubt der tamilische Politiker Mano Ganeshan. »Das wäre so wie bei den Palästinensern, die seit Generationen in Flüchtlingslagern leben.«

Nicht zufällig ist das solideste Gebäude im Dorf »P« der Militärstützpunkt. Befragt nach dem ersten Gefühl, das sie beschlich, als sie nach jahrelanger Vertreibung und Haft in die Heimat zurückkehrte, flüstert die 32-jährige Buddima: »Schreckliche Angst.« Nach einer Pause fügt sie hinzu: »Wir werden uns nicht daran gewöhnen, so vom Militär umzingelt zu leben. Es ist furchtbar.«

In den letzten Tagen des Krieges hatte die Armee wiederholt verkündet, wer sich auch nur für einen Tag mit der LTTE eingelassen habe, müsse sich ergeben. »Sie sagten, sobald der Name registriert sei, würde der Betreffende frei gelassen oder höchstens für drei Monate inhaftiert«, erinnert sich Rangitha, eine 43-jährige Mutter. Also drängte sie ihren 25-jährigen Sohn, sich zu ergeben, so wie es viele andere Mütter taten. Doch ihr Sohn sitzt auch nach 18 Monaten noch in Haft, ohne je vor ein Gericht gestellt worden zu sein. »Meinen Sohn hatte die LTTE im April 2007 rekrutiert. Er war aber im folgenden Jahr geflohen und ich hatte ihn versteckt«, erzählt die Mutter.

Angst vor dem »Verschwinden«

»Es handelt sich nicht um Gefangenenlager, sondern um Resozialisierungszentren«, behauptet Brigadegeneral Sudantha Ranasinghe, der seit Februar für die Lager verantwortlich ist. Befragt nach Foltervorwürfen, antwortet er: »Dieses Wort existiert nicht in meinem Vokabular.«

Ehemalige Gefangene berichten anderes. Der 39-jährige Jeya beispielsweise. »Ein Tag im Lager beginnt mit dem Gesang der Nationalhymne in Singhalesisch. Ein Junge musste den ganzen Tag in der stechenden Sonne knien, weil er die Hymne nicht richtig gesungen hatte. Ein anderer wurde getreten, weil er während des Gesangs husten musste.«

Trauernde Tamilin: Ihr Sohn ergab sich der Armee und ist seit anderthalb Jahren in Gefangenschaft. Foto: Lee Yu Kyung

Jeya bestreitet, LTTE-Mitglied gewesen zu sein. Er war einer von vielen, die aus den Vertriebenenlagern in die sogenannten Wiedereingliederungszentren verschleppt wurden. 15 Verhöre habe er durchstehen müssen. Mehrere Male sei er ernsthaft misshandelt worden, erzählt er. Wegen einer Beinbehinderung wurde er im April dieses Jahres entlassen. Kurz vorher war er mit 106 weiteren Gefangenen aus seinem Lager in ein nahes Schulgebäude gebracht worden. Sechs seiner Leidensgefährten wurden an einen unbekannten Ort verlegt, einer kam aus ungeklärten Gründen ums Leben.

Spuren sind schwer zu verfolgen, denn es gibt keine formale Registrierung für LTTE-Verdächtige, die durch eine unabhängige Institution wie das Internationale Rote Kreuz überwacht werden könnte. Zieht man die finstere Geschichte Sri Lankas in Betracht, in der Tausende von Oppositionellen »verschwanden«, ist die Angst der Betroffenen und ihrer Angehörigen verständlich.

Die Angaben über die Gesamtzahl der Gefangenen schwanken. Die Zeitung »Daily News« zitierte jüngst den Minister für Wiedereingliederung D.E.W. Gunesekara: 5819 von 11 696 Inhaftierten seien bis 23. Oktober freigelassen worden. Die Zahl enthalte jedoch nicht jene 800 »Befreiungstiger«, die vor Gericht angeklagt werden sollen.

Mehr als anderthalb Jahre sind seit dem Ende des längsten Bürgerkriegs in Asien vergangen. Doch das Regime unter Präsident Mahinda Rajapakse scheint es mit der Versöhnung zwischen singhalesischer Mehrheit und tamilischer Minderheit nicht eilig zu haben. Vielmehr konzentriert sich Rajapakse darauf, die Macht seiner Familie zu sichern und seinen Sohn zum Nachfolger aufzubauen. So verwandelt sich Sri Lanka aus der »Demokratischen Sozialistischen Republik« in das Königreich der Rajapakses. Und niemand kann garantieren, dass die Waffen auf Dauer schweigen werden.

published by <Neues Deutschland> at

http://www.neues-deutschland.de/artikel/183988.wenig-versoehnliches-auf-sri-lanka.html

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s