Noch tausend Jahre Bomben

Von Lee Yu Kyung, Xieng Khouang

Nirgendwo liegen so viele Streubomben auf Äckern und in Wäldern wie in Laos. 35 Jahre nach dem Ende des US-Bombardements leidet die Bevölkerung noch immer.

Ya Vue will seine rechte Hand nicht zeigen. Er schämt sich, weil ihm ein Finger fehlt. Nur seinen verbrannten Arm darf ich sehen. Ya Vue ist sechs Jahre alt und lebt in der Provinz Xieng Khouang im nördlichen Laos. Während wir reden, taucht sein Freund Yer Que auf. Wie Ya Vue gehört er zur Volksgruppe der Hmong. Er stammt aus dem gleichen Dorf, ist aber ein Jahr älter als Ya Vue. Yer Que zieht sein Bein nach. Auch er ist verletzt.

Am 3. August letzten Jahres spielten sie gemeinsam mit drei Freunden auf ihrem Spielplatz bei einem Fischteich in der Nähe ihres Dorfes, als sie ein «Bömbchen» entdeckten, eine Submunition der Streubombe CBU-24. Die ist in Laos am weitesten verbreitet und besonders gefährlich. «Wir wissen alle, dass wir sie nicht berühren sollten. Als ein Freund es doch tat, passierte aber nichts. Also dachten wir, das ist in Ordnung», sagt Ya Vue. Als er das Bömbchen in den Fischteich warf, explodierte es.

Eine Streubombeneinheit (Cluster Bomb Unit, CBU) des Typs CBU-24 besteht aus 665 Einzelbomben, von denen jede zwischen 200 und 300 rasiermesserscharfe Eisensplitter enthält. Die Splitter werden bei der Explosion Hunderte von Metern weggeschleudert. Eine CBU kann alles vernichten, was auf einer Fläche von drei Fussballfeldern lebt.

Als die Bombe am Fischteich explodierte, wurden zwei Brüder sofort getötet, die anderen kamen mit schweren Verletzungen davon. «Wir hatten blutige Gesichter. Meine Freunde fielen hin», erzählt Ya Vue. «Ein Nachbar erzählte mir später, dass sie tot sind.» Der Zustand von Yer Ques Bein hat sich vor kurzem verschlechtert, als er trotz der Verletzung wieder begonnen hatte, Fussball zu spielen. «Ich bin so traurig, weil ich Spielkameraden verloren habe und ich nicht mehr kicken kann.» Die beiden Freunde leiden seit dem Unfall an psychischen Problemen. Yer Que hat aufgehört zu träumen.

Erbe eines geheimen Kriegs

Unfälle wie diesen gibt es viele. Manchmal benutzen Einheimische die Streubomben, um Fische zu fangen. «Es werden rund 300 Todesfälle pro Jahr gemeldet, aber wir kennen keine genaue Zahl, da viele Unfälle in abgelegenen Gebieten passieren, über die selten berichtet wird», sagt Jo Pereira, Koordinator des Projekts namens Cooperative Orthotic and Prosthetic Enterprise (Cope), das Opfern von Streubomben hilft. «Ich finde es empörend, dass 35 Jahre nach Kriegsende immer noch Kinder von Streubomben getötet werden.»

Streubomben sind ein globales Problem, aber Laos ist besonders stark betroffen. Von 1964 bis 1973 wurde im Krieg der USA gegen das neutrale Laos­ (vgl. Kasten) durchschnittlich alle acht Minuten eine Bombe abgeworfen. Insgesamt zwei Millionen Tonnen an Explosivmaterial, darunter mehr als 270 Millionen Streubomben-Submunitionen, trafen das Land. Dreissig Prozent explodierten jedoch nicht. Nach Kriegsende blieben achtzig Millionen Blindgänger (Uxo, Unexploded Ordnance) liegen. Fünfzehn der siebzehn Provinzen von Laos sind offiziell als bombenverseuchte Gebiete anerkannt, über die verbleibenden zwei fehlen zuverlässige Angaben. «De facto aber sind alle Provinzen kontaminiert», sagt Wanthong Khamdala, stellvertretender Programmdirektor von Uxo Lao, der grössten nationalen Behörde für die Beseitigung von Blindgängern in Laos.

Arbeiten in der Gefahrenzone: Das Team von Uxo Lao transportiert Blindgänger zu ihrer kontrollierten Explosion (foto by Lee Yu Kyung)

Arbeiten in der Gefahrenzone: Das Team von Uxo Lao transportiert Blindgänger zu ihrer kontrollierten Explosion (foto by Lee Yu Kyung)

Laut Schätzungen sind achtzig Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche mit Blindgängern verseucht – in einem Land, dessen wichtigster Wirtschaftszweig die Landwirtschaft ist. Rund ein Viertel aller Dorfgebiete sind ebenfalls mit Sprengmunition durchsetzt. Die nördliche Provinz Xieng Khouang, wo die während des Indochinakriegs aktive linke Widerstandsbewegung Pathet Lao gemeinsam mit den vietnamesischen KommunistInnen kämpfte, ist besonders schlimm betroffen. Ebenso die südliche Provinz Savannakhet, durch die der Ho-Chi-Minh-Pfad verlief, über den die nordvietnamesische Armee die GuerillakämpferInnen des Vietcong im Süden mit Kriegsmaterial und Personal versorgte.

Zwei Jahrzehnte lang kümmerte sich niemand um dieses tödliche Erbe. Erst Mitte der neunziger Jahre starteten internationale nichtstaatliche Organisationen (NGOs) und die laotische Regierung eine Reinigungsoperation, die mit internationalen Geldern finanziert wurde. Es wird geschätzt, dass die Uxo Lao in den letzten vierzehn Jahren zwischen 0,5 und 0,9 Prozent der betroffenen Gebiete von nicht explodierten Streubomben befreit hat. Es lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, wie viel noch zu beseitigen ist. Ohne deutliche Fortschritte in der Technik dauert es jedoch noch über tausend Jahre, bis Laos bombenfrei ist.

Die Arbeit der Bombensucheinheit von Uxo Lao ist schwierig und gefährlich. An diesem kühlen Novembertag ist das Team gemeinsam mit dem japanischen Minensuchdienst JMAS unterwegs, der die Sucheinheit von Uxo Lao auch finanziert. Sie durchkämmen das Gebiet bei einer Schule in der Xieng-Khouang-Provinz. «Die Menschen hatten hier Kartoffeln angebaut. Wenn sie Bomben finden, melden sie sich bei uns, und wir beseitigen sie», sagt Manophet Mouidouangdy, Verwaltungssekretär der JMAS. Seit Anfang Oktober haben sie 240 Uxos aufgespürt und zerstört, die meisten davon Streubomben. Heute sollen sechs Blindgänger unschädlich gemacht werden.

Manche Bomben liegen tiefer

Zunächst müssen die Bomben gefunden werden, dann wird die Fundstelle markiert. Anschliessend platziert das Team TNT-Sprengstoff neben den Bomben. Wenn alles bereit ist für die Detonation, warnt es DorfbewohnerInnen, Schulkinder und PassantInnen, damit sie sich nicht in die Gefahrenzone begeben. Den Sprengstoff zünden die Expert­Innen dann aus sicherer Entfernung.

Doch auch der beste Bombendetektor kann nicht alle Blindgänger aufspüren. Der in Deutschland produzierte «Ebinger Upex 740M» findet Bomben, die in einer Tiefe von bis zu zehn Zentimetern in der Erde versteckt sind. Meist reiche dies aus, da der Grossteil der Streubomben nahe der Erdoberfläche liege, sagt ein Mitarbeiter von JMAS, der seit sieben Jahren Bomben aufspürt. Es gibt aber auch Ausnahmen. Bunmy Bizzar aus Muang Khoun, der alten Hauptstadt der Provinz, verlor seinen Arm, als er einen Fischteich grub und in einer Tiefe von über einem Meter auf einen Streubombenblindgänger stiess. Der 28-Jährige arbeitet jetzt als Freiwilliger und hilft anderen Opfern. Seine Botschaft an Staaten, die den Vertrag zur Ächtung von Streubomben nicht unterschrieben haben (vgl. Kasten), ist einfach: «Bitte baut keine Streubomben mehr und setzt keine ein. Wir haben schon zu viel gelitten.»

Ehemalige Kollaborateure

Die Gefährdung durch Streubomben bedroht alle, die in der Provinz Xieng Khouang leben, auch jene Angehörigen der Hmong-Ethnie, die während des Krieges in Laos mit dem CIA kollaboriert hatten. Als die Bomben vom Himmel fielen, bot diese Zusammenarbeit Schutz, die Hmong wurden von der US-Armee mit Lebensmitteln und Unterkunft belohnt. Nia Pliachong, eine Angehörige der Hmong, lebte in Long Chien, der geheimen Stadt, die der CIA während des Krieges in Laos als Basis nutzte. Die Kollaboration mit den US-Amerikanern bedauert Nia Plichong heute zutiefst: «Damals hatten wir alles. Wir konnten essen, besassen Geld und ein Dach über dem Kopf, weil mein Mann ein Kommandeur der Hmong-Armee war, die für die USA arbeitete», erinnert sich die 64-Jährige. Sie habe die Vereinigten Staaten geliebt. «Jetzt hasse ich Amerika, weil ich meinen Sohn durch eine Bombe verlor. In unserer Hmong-Gemeinschaft ist man ohne einen Sohn ein Nichts. Ich hasse Amerika, ich hasse Streubomben. Ich habe keinen Sohn.»

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icht überall geächtet

Laos während des Vietnamkriegs

Laos hatte während des Vietnamkriegs eine neutrale Position inne. An der Genfer Laoskonferenz 1961/62 war die Neutralität zwar ­offiziell anerkannt worden, aber ­weder Nordvietnam noch die USA zogen sich aus Laos zurück. Von 1964 bis 1973 führte die US-Armee eine geheime Bombardierungs­kampagne gegen die von Nordvietnam unterstützte kommunistische Pathet-­Lao-Guerilla und gegen das Versor­gungssystem zwischen Nordvietnam und den südlichen Widerstandskämpfern, das durch Laos führ­te. Die Kam­pagne fand ohne Au­tori­sierung durch den US-Kongress statt. 1975, über zwei Jahre nach ­deren Ende, übernahm die ­Pathet Lao die Macht.

WOZ vom 12.02.2009

source : http://www.woz.ch/artikel/archiv/17561.html

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